"Ein Lied zu komponieren, das ist wie Kaffeetrinken"

"Ein Lied zu komponieren, das ist wie Kaffeetrinken"
Schlagersänger Christian Anders hat zur Musik zurückgefunden - nach Esoterik, Politik und Bücherschreiben

Von Brigitte Kramer


Foto:Mallorca Zeitung - Sylvia Nowel

Christian Anders ist 61 Jahre alt und war bis Mitte der 80er Jahre einer der erfolgreichsten deutschen Schlagersänger. Wir trafen den blonden Barden während eines Kurzurlaubes mit seiner neuen Liebe in einem Hotel an Palmas Paseo Maritimo.

Herr Anders, Sie wurden schwer verliebt beim Knutschen in Port d' Andratx beobachtet.
Ja, ich bin verliebt, meine Liebste heißt Birgit Diehn, wir haben große Pläne. Wir wollen hier ein Musiklabel gründen, Birgit hat ein Haus auf der Insel, wir werden jetzt öfter kommen.

Sie haben also wieder zur Musik zurückgefunden, nach den Jahren der Esoterik, des Bücherschreibens und der Politik?
Die Musik fällt mir einfach sehr leicht, sie ist das, was ich am besten kann. Ein Lied zu komponieren, das ist wie Kaffeetrinken für mich, völlig anstrengungsfrei.

Und die Auftritte, bei Ilja Richters Hitparade zum Beispiel? Kein Lampenfieber?
Lampenfieber, das kenne ich nicht. Ob da 20 oder 20.000 sitzen, das ist mir gerade egal. Ich erinnere mich an Heintje, dem hab ich vor dem Auftritt die Hand gehalten und ihm gesagt: "Stell dir vor, da draußen, das ist eine anonyme Masse, du siehst gar niemanden wegen der Scheinwerfer, die sind alle lieb zu dir...".

Wie haben Sie mit dem Publikum Kontakt aufgenommen?
Das lief von selbst, ich spürte sofort, was vom Publikum rüberkam, das reichte.

Sie hatten 20 Jahre lang einen Hit nach dem anderen. Was war das für ein Gefühl?
Das war wie ein Traum, das lief alles wie von selbst. Stellen Sie sich vor, ich hatte keinen einzigen Flopper, mein drittes Lied ("Geh nicht vorbei", veröffentlicht 1969, Anm. d. Red.) wurde direkt ein Hit, das ging dann so weiter. Das schaffte meines Wissens keiner, Udo Jürgens nicht, Peter Maffay nicht, der Roy Black vielleicht. Mein Manager hat damals gesagt; "Du kannst den größten Käse singen, die mögen einfach deine Stimme".

Was bedeutet für Sie das Wort Erfolg?
Etwas das folgt, auf etwas Gemachtes, also eine Reaktion.

Und Misserfolg?
Wenn nichts folgt.

Wann haben Sie bemerkt, dass Ihre Glückssträhne zu Ende ist?
Das war in den 80ern, da wollte ich dann auch meine Ruhe haben und bin nach Kalifornien gezogen. Zunächst habe ich in Marbella gelebt, alleine, mit meinem Pferdchen, dann passierte 1987 ein schlimmes Ereignis in meinem Leben, da wollte ich wohin, wo mich keiner kennt. Andere gehen nach Hollywood, um berühmt zu werden, ich suchte dort die Anonymität.

Sie hatten also die berühmte Sinnkrise?
Ja, ich habe alle Fotos zerrissen, alles weggeschmissen und bin in die USA. Dort habe ich mich mit dem Buddhismus befasst und esoterische Bücher geschrieben, das ist ja in den USA einfach. Jeder, der eine Idee hat, kann daraus was machen. Ob das dann auch hält, ist eine andere Sache. Aber Amerika, das ist für mich ein abgeschlossenes Kapitel. Das ist wie die Beziehung zu einer Frau, die man beendet.

Warum haben Sie all diese Bücher geschrieben?
Ich hatte und habe immer noch viel Zeit. Wissen Sie, den Hit "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo" habe ich in 15 Minuten geschrieben und damit drei Millionen Mark verdient, da können Sie sich mal den Stundenlohn ausrechnen. Ich hatte mit meiner damaligen Platten- firma Electrola/Emi einen Vertrag über vier Lieder im Jahr. Die habe ich in drei Wochen runtergeschrieben, den Rest des Jahres habe ich das Leben genossen, habe aber auch viel gelesen. Irgendwann hatte ich dann das Bedürfnis, die Dinge, die ich dachte, aufzuschreiben.

Haben Sie sich in den USA verändert?
Ja, ich wollte damals wissen, wie die Maschine funktioniert. Das habe ich jetzt verstanden, jetzt kann ich ruhiger leben. Ich war in Kalifornien sogar einen Monat lang obdachlos, habe am Strand geschlafen. Da merkt man erst, mit wie wenig man auskommt, wenn die Sonne scheint, wohlgemerkt. Ich glaube heute an Karma, Wiedergeburt und lebe nach den Werten des Frühbuddhismus.

Sie begaben sich also auf Sinnsuche, als der berufliche Erfolg ausblieb?
Nein, schon mit 17 las ich Bücher zum Thema. Doch dann kam das Leben dazwischen.

Das Leben in Form einer Erfolgsmaschine. Auch bei den Frauen, auch im Privaten?
Als Sänger hat man's leicht, das muss man einfach sagen.

Was fasziniert Sie denn an Ihrer neuen Freundin?
Dass sie mich anfangs, sagen wir mal, mit wohlwollender Ablehnung behandelt hat. Sie sagte zu mir sogar "Schleich dich", da musste ich dann erst recht untersuchen, was da los ist.

Passiert es zum ersten Mal, dass Sie einer Frau nachstellen?
Ich glaube schon. Wissen Sie, ich hatte bei Birgit den Eindruck, sie zu kennen, obwohl ich sie noch nie gesehen hatte. Dass wir jetzt ein Paar sind, ist schon allein deswegen toll, weil sie gar nicht auf meine Musik, steht. Sie liebt mich sozusagen trotz meiner Musik.

Wie ist denn Ihre Musik?
Ach, heute setze ich mich am liebsten mit der Gitarre hin und spiele, keine großen Arrangements mehr... Ich habe neulich für Birgit ein Lied geschrieben, das ist ein richtiges Chanson geworden. Das erste Lied von mir, das ihr gefällt.

ZUR PERSON

SCHMUSESÄNGER UND MULTITALENT

Christian Anders (bürgerlich Antonio Augusto Schinzel) wurde am 15. Januar 1945 in Österreich als Sohn einer Deutschen und eines Italieners geboren. Nach dem Krieg wanderten die Eltern nach Sardinien aus, mit acht Jahren zog die Familie nach Deutschland, wo Anders eine Ausbildung zum Elektroinstallateur machte. In Nürnberg näherte sich der Musiker der Szene der US-amerikanischen Besatzungsmacht und spielte Gitarre in verschiedenen Bands. 1966 folgten erste Aufnahmen. 1969 wurde der damals 24-Jährige mit dem Schlager "Geh nicht vorbei" zum erfolgreichsten deutschen Nachwuchssänger. In nur 5 Monaten wurde die Single mehr als eine Million mal verkauft. Als Dauergast in der ZDF-Hitparade schaffte es der blonde Schmusesänger zum Idol einer ganzen Generation. Unter seinen rund 25 Hits ist auch der Titel "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo" aus dem Jahre 1972, bei dem wohl alle über 40-Jährigen "Ach der!" rufen. Anders hat mehr als 900 Lieder komponiert und rund 20 Millionen Tonträger verkauft. Nach der Schlagerkarriere zog er 1987 in die USA, wo er sich in der Esoterik-Szene unter dem Namen Lanoo bewegte. Seit 1993 lebt Anders wieder in Berlin. Als Mitglied der "Partei für Humanwirtschaft" absolvierte er 2005 einige Wahlkampfauftritte, bei denen er für radikale Sozialreformen sowie Geld- und Bodenreformen eintrat. Auch durch seine Teilnahme in der Pro7-Realityshow "Die Burg" kam er wieder an die Öffentlichkeit. Derzeit baut sich Anders in Berlin/Palma eine Karriere als Musikproduzent auf.

Mallorca Zeitung - Nr. 266/Woche 05/2006

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