Dresdner Morgenpost, Montag, 22. September
Nach zwei Stunden war er wieder frei
Rums! Krachend flog das Tor der Dresdner JVA hinter Schmusesänger Christian Anders (58, "Es fährt ein Zug nach nirgndwo") ins Schloss. Der Schlagerbarde im Knast - ein Promo-Gag für seinen Roman "Der Freigänger". Anders las und sang sich in die harten Herzen von verknackten Mördern, Dealern und Räubern - die Morgenpost saß mit im Knast.
Sonnabendmittag: Eine Limousine bringt den Sänger zur JVA am Hammerweg. Wachmänner filzen Christian Anders, begleiten ihn durch die Katakomben in den Freizeitraum. Frenetisch jubelnd wird der Schlagersänger im legeren Jogginganzug dort von 80 harten Jungs begrüßt. Ein ungewöhnliches Publikum. Anders. "Normalerweise sind 70 Prozent meiner Fans Frauen."
Sei`s drum: Der Barde greift zu seinem Roman "Der Freigänger" (geschrieben in den 70ern, jetzt neu aufgelegt) - die Liebesstory eines Strafgefangenen mit, wie sollte es anders sein, Happyend. Die Knackis grölen, fordern: "Sing uns eins!" Bitte schön: Die noch immer hohe Knabenstimme des Schlagerdinos schmalzt "Einsamkeit" durch die Knastanlage - ein Song, der dem Publikum auf den Leib geschrieben ist. Drogendealer Frank (35, bis 2006 im Gefängnis) schmilzt dahin: "Ein Supertyp, der Christian, ich bin wirklich gerührt."
Als der Schlagerguru den Hit "Es fährt ein Zug nach nirgendwo" anstimmt, hält`s den zu fünf Jahren verurteilten Räuber Marco (24) nicht mehr auf dem Holzstuhl: "Ich hör diese Musik auch in der Zelle", gesteht er - und singt mit. Christian Anders und der Gefangenenchor - "Der schönste Gig seit Jahren", schwört Anders nach dem Knastauftritt, verspricht: "Ich schenke der Gefangenenbibliothek alle meine 13 Bücher."
Eine Stunde lang schreibt Anders für Marco, Frank und Co. Autogramme - dann hat ihn die Freiheit wieder. Fast: Beim Gang über den Gefängnishof schüttelt er noch Fan Holger durch die Gitterstäbe die Hand. Holger traurig: "Ich hatte keine Erlaubnis, beim Auftritt dabei zu sein."
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