Backnanger Zeitung, 17. Januar 2005
Er passt nicht in die aalglatte Musikbranche der Superstars
Der multitalentierte Christian Anders trat anlässlich seines runden Geburtstages mit der Gitze-Roadshow in der Gemeindehalle in Jux auf
Spiegelberg – Er ruft ins Mikrofon: „Es fährt ein Zug“, und schon stimmt die Fan-Gemeinde singend in den Refrain „nach Nirgendwo“ ein. Das Publikum klatscht begeistert. Er schlägt vor: „Hey, ihr seid gut, wollen wir zusammen auf Tour gehen?“ Christian Anders feierte am Samstag mit der Gitze-Roadshow in der vollen Juxer Halle seinen 60. Geburtstag, stellte seine Bücher vor und gab Hits wie „Verliebt in den Lehrer“ oder „Geh nicht vorbei“ zum Besten.
von Heidrun Gehrke
Der Abend ist prall an Geschichten. Eine illustre Gesellschaft drängt sich beim Auftritt der Gitze-Roadshow in der kultig kleinen Juxer Halle und wartet auf ihren Star Christian Anders. Jeder scheint jeden zu kennen, Bussi hier und Umarmung dort, ein Treffen alter Freunde, eine große Familie. Es ist verraucht und dunkel wie im Nebenzimmer einer Bar. Vorne wird es erst hell, als Christian Anders auf die Bühne tobt: Das blühende Leben, ein Show-Mensch, der nassforsch verkündet, er fühle sich „wie 30“. Er redet ohne Unterlass. Schon bei der Pressekonferenz beantwortet er Fragen und schweift dabei ab ins Irgendwo. Vom Aids-Virus, das im Labor gezüchtet worden sei, kommt er auf das Übel der Welt zu sprechen, das für ihn in den Chefetagen der Medien und Pharmakonzerne liegt. Rundumschlagerfahren verkündet er, die Staatsverschuldung komme von zu hohen Zinsen. Bei Jean Connery habe er gewohnt, und Jerry-Cotton Romane will er geschrieben haben. Sowieso gebe es quasi nichts, was er nicht schon irgendwann einmal getan hat: Produzent, Komponist, Arrangeur, Schauspieler, Drehbuchautor, Fotomodell, Karatelehrer.

Heute sei er ein friedlicher Mensch, in dem sich, wie seine Verlegerin Elke Straube anmerkt „buddhistische Weisheit mit konkreter Lebenserfahrung gemischt“ hätten. Der Multitalentierte versucht sich auch auf dem Feld der Wahrsagerei und prophezeit den nächsten Tsunami, der für ihn Hartz IV heißt. Eine Flutwelle von Arbeitslosen werde den Sozialstaat unter sich begraben. Abrupter Rollenwechsel. Mit einem Mal setzt er ein unschuldiges Strahlemann-Grinsen auf, von dem Schwiegermütter träumen. Die zwei Seiten des Christian Anders. Er scheint sie gut zu kennen, denn er sagt scherzhaft über sich: „Eine gesunde Schizophrenie ist nicht schlecht, man ist nie allein.“ Außer Christian Anders ist er „Lanoo“, das bedeutet Schüler, worauf er unter Sektenverdacht gestanden habe: Den Medien sei es gelungen, ihn als Guru hinzustellen. Die Sachen erzähl er den Journalisten später auf der Bühne noch einmal. Manchen Gag reißt er ebenfalls zweimal. Das ist menschlich, das verzeiht man ihm. Wie man ihm auch die Rolle des politischen Querdenkers abnimmt, der mit seinen Ecken und Kanten nicht in die aalglatte Musikbranche der Superstars passt.
Heute müsse ein Künstler nicht mehr zwingend etwas können, um berühmt zu werden. Die Masse habe Angst vor dem Besonderen, „sie liebt einen Stefan Raab, der so mittelmäßig ist wie sie.“
Seine Fans lieben an ihm den netten Menschen
Den eigenen Erfolg erklärt er sich damit, dass seine Hits die Zeit überdauert hätten. Die Leute hätten in schnelllebigen Zeiten „ein Verlangen, bleibende Songs zu hören.“ Bei allem Brimborium, das er um seine Person macht, kommt er handzahm rüber. Er knurrt nur, beißt aber nicht. Seine Fans lieben an ihm den netten Menschen.
So wie Birgit Börner aus Dresden, die seine Ehrlichkeit bewundert und alle seine Lieder mag: „In den Texten kommen Gefühle gut zum Ausdruck.“ Mit ihrem Mann zusammen hat sie sich in einer Juxer Pension einquartiert, um den Star ihrer Jugend live zu hören. Sie ist von Christian Anders sozialisiert worden: „Ich bin mit seinen Platten groß geworden, und das zu DDR-Zeiten.“
Warum feiert der Paradiesvogel in der Pampa sein 60. Wiegenfest? „Weil wir es genauso intim im kleinen Rahmen wollten“, sagt Ralf Preusker, der Vorsitzende des mitveranstaltenden Vereins Litera Freak. So familiär, dass Anders sich als der verlorene Sohn geben kann, der nach Hause zurückgekehrt ist: „Ich war lange in einem fremden Land und danke euch, dass ihr mich nicht vergessen habt.“
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