Super Sonntag, 19. September 2004
Es fährt ein Zug nach nirgendwo
Von Sonja Richter
Zum Frühstück bei Sänger, Komponist und Buchautor Christian Anders
Frühstück muss nicht immer früh am Morgen sein. Zumindest nicht bei Christian Anders. Das beschränke sich meist – schon fast am Mittag – auf einen Cappuccino für einen einzelnen Herrn und einen Spaziergang. Und wenn gar keine Zeit bleibt, fällt zuerst der Cappuccino weg. Eigentlich untypisch, ist der am 15. Januar 1945 in Österreich Geborene doch in Sardinien groß geworden und erst mit zehn Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland gezogen. Das prägt. Und macht ihn zu einem unruhigen Geist. Denn es war als Kind nicht einfach, als besser italienisch als deutsch Sprechender hierzulande Fuß zu fassen. Das Gymnasium in Garmisch-Partenkirchen ließ er sausen und machte lieber Musik. Den Eltern zuliebe lernte er Elektroinstallateur, arbeitete dann aber doch lieber als Karatelehrer mit eigener Schule in München. Und dann kam der musikalische Durchbruch.
Mit dem Titel „Geh nicht vorbei“ startete 1969 seine Karriere als Schlagersänger. Das Debüt-Album wurde ein Millionenhit. Dann ging es Schlag auf Schlag. Als er 1972 sein selbst komponiertes Lied „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ veröffentlichte, war er längst kein Unbekannter mehr. Christian Anders’ Portrait zierte die Titelseiten sämtlicher Jugendzeitschriften, er wurde in den 70-er Jahren zum Teenie-Schwarm und verkaufte mehr als 20 Millionen Schallplatten. Und er hatte keine Zeit mehr, auch nicht fürs Frühstück. 15 Nummer 1-Hits, mehr als 900 geschriebene Lieder (auch für Kollegen) und fast alle Auszeichnungen, die ein Schlagersänger bekommen kann, forderten ihren Tribut, machten ihn nicht glücklich. „Ich spürte, dass ich dem wahren Sinn des Lebens noch hinterher lief. Ich hatte den ganzen Rummel satt. Wollte nur noch irgendwo hin, wo mich niemand kennt“, begründetet er seine Flucht zuerst nach Spanien und dann nach Los Angeles. Das war 1980.
Hier machte er das weiter, was er vorher schon angefangen hatte – er schrieb Bücher. „Der Mann der Aids erschuf“ (2000) war das Ergebnis seiner tiefen Auseinandersetzung mit Problemen, die uns alle angehen. „Ein brisantes Thema, mit dem man auch anecken kann“, meint er dazu. Und mal ein ganz anderes. Hatte er sich doch bisher vor allem mit dem Ursprung von Mensch und Universum beschäftigt und auch esoterische Songs dazu produziert.
Vor drei Jahren ist Christian Anders nach Deutschland zurückgekehrt. „Ich habe die Zeit in Amerika gebraucht“, so sieht er es heute, „um zu entscheiden, dass ich nicht mehr nur Sänger und Komponist sein möchte, sondern dass ich auch andere Botschaften habe.“ Dabei sieht er sich aber nicht als Guru, als den ihn die Medien gern hinstellen. „Ich verfolge das aktuelle Tagesgeschehen und spreche sehr viel mit den Menschen drüber.“ Deshalb sei ihm eine Zeitung am Morgen auch wichtiger als ein Frühstück. „Ich möchte die Menschen warnen und aufklären.“ Nicht umsonst hat er Bücher über Bankenschwindel und Betrug geschrieben. „Ich möchte, dass sich die Menschen Gedanken machen und sich wehren gegen solche Unverschämtheiten wie Hartz IV oder auch Recht- und Schlechtschreibschwindel.“
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